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Interessant, aber unbekannt: Der Zwergpottwal

Der Zwergpottwal (Kogia breviceps) ist einer der interessantesten und zugleich weniger bekannten Vertreter der Zahnwale (Odontoceti).  Mit einer Länge von 3-4 m und einem Gewicht von etwa 400 kg sind sie etwas größer als die nahe verwandten Kleinstpottwale (Kogia simus). Ihr Verbreitungsgebiet ist hauptsächlich durch Strandungen belegt und umfasst alle gemäßigten bis tropischen Ozeane. Es sind ausgesprochene Hochseebewohner, die nur sehr selten an die Küsten kommen. Sichtungen sind aufgrund ihres unauffälligen Verhaltens selten, und über ihre Lebensweise ist nicht allzu viel bekannt. Die Tiere leben in kleineren Gruppen oder solitär und ernähren sich hauptsächlich von Krebstieren und Kopffüßern. Es ist deshalb anzunehmen, dass sie zur Nahrungssuche regelmäßig in größere Tiefen hinabtauchen.

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Dieses Tier strandete vor der Küste vn La Gomera. Gut zu erkennen sind die langen Zähne im Unterkiefer. (Quelle: Wikimedia Commons)

Speziell für den Fang von Tintenfischen scheinen ihre dünnen, langen Zähne von Vorteil; diese wirken in dem kleinen Maul mit kurzem Unterkiefer schon fast grotesk. Auffällig ist zudem eine helle Linie hinter dem Auge, die einer Kiemenspalte nicht unähnlich ist. Ob diese „falschen Kiemen“ eine Funktion haben, ist nicht weiter bekannt. Es wird spekuliert, ob dieses Merkmal der Abschreckung potentieller Feinde dient, da das Tier auf den ersten Blick dadurch einem Hai ähnelt. Eindeutige Belege für diese Theorie konnte ich jedoch nicht finden. Ein tatsächlicher Verteidigungsmechanismus des Zwergpottwals beinhaltet das Ausstoßen eines bräunlichen Sekrets, das dem Angreifer die Sicht auf seine Beute nehmen soll. Die Oberseite des Körpers ist dunkelgrau, die Flanken bläulich gefärbt. Der Bauch ist hell mit rosafarbenem Anflug, der mit zunehmendem Alter nachlässt. Der Kopf ähnelt in seiner eckigen Form stark der des „großen“ Pottwals (Physeter macrocephalus), der Körper wirkt gedrungen und verjüngt sich zur Fluke hin stark. Die Finne ist klein und gebogen und ist etwas kleiner als beim Kleinstpottwal.

Genau wie sein großer Vetter, der Pottwal, nutzt der Zwergpottwal Echolokation zum Aufspüren seiner Beute und besitzt ebenfalls ein Spermaceti-Organ. Dieses dient gemeinsam mit der Melone, einem Gebilde aus Bindegewebe, der Verstärkung und gezielten Ausrichtung der erzeugten Laute. Die wachsähnliche Flüssigkeit des Spermaceti-Organs (auch als Walrat bekannt) wurde bis ins 19. Jahrhundert hinein vielfältig genutzt, nicht zuletzt als Brennstoff für Lampen und als Schmiermittel. Lieferant hierfür war stets nur der stark bejagte Pottwal; der Zwergpottwal konnte diesem Schicksal wohl durch seine unauffällige Lebensweise und geringe Größe entgehen, bis heute werden diese Tiere nur sehr vereinzelt gezielt gefangen. Die Bestände sind jedoch durch Überfischung und die Verschmutzung der Meere gefährdet; in den Mägen von gestrandeten Exemplaren wurden Plastikabfälle gefunden. Vereinzelt verenden diese Tiere auch in Fischernetzen und stranden gelegentlich an den Küsten ihres Verbreitungsgebiets. Außerdem ist anzunehmen, dass sie aufgrund ihres feinen Gehörs empfindlich auf den von Menschen verursachten Lärm durch Schiffsverkehr und Ölbohrungen reagieren. Ihr derzeitiger Gefährdungsstatus ist aufgrund mangelnder Daten über Bestandszahlen und deren Entwicklung „Data deficient“ („fehlende Datengrundlage“), es ist jedoch aufgrund der genannten Bedrohungen anzunehmen, dass die Bestände rückläufig sind.

Es wurden mehrfach Versuche unternommen, gestrandete Tiere in Gefangenschaft wieder aufzupäppeln um sie anschließen freizulassen, jedoch starben diese meist nach kurzer Zeit; ihre Lebenserwartung variierte bisher von einigen Tagen bis zu einigen Wochen. Es scheint mit dem derzeitigen Wissensstand noch nicht möglich, diese Tiere dauerhaft am Leben zu erhalten. In diesem Video ist ein solches Tier zu sehen. Der Videobeschreibung zufolge strandete das offensichtlich kranke Tier aufgrund eines Tsunamis und wurde deshalb in das japanische Aquarium gebracht, starb jedoch kurz darauf.

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Illustration © Denise Seimet

Systematisch werden Zwerg- und Kleinstpottwal in eine Gattung (Kogia) gefasst. Ob diese Gattung nun eine eigene Familie (Kogiidae) stellt, oder ob sie, gemeinsam mit dem Pottwal (Physeter macrocephalus), der Physeteridae angehört, scheint noch nicht ganz geklärt zu sein.

Über die Entwicklungsgeschichte dieser Spezies ist nicht viel bekannt. Es gibt jedoch mehrere ausgestorbene Gattungen, doch nur über zwei Arten konnte ich einige Informationen finden. Die erste ist Kogiopsis floridana, von der bisher nur Kieferfragmente und Zähne gefunden wurden; letzere erreichten eine Länge von bis zu 12 cm. Diese Tiere lebten im mittleren Miozän und ihre Zähne findet man regelmäßig in Florida und South Carolina, denn zu Lebzeiten von Kogiopsis lagen diese Staaten fast komplett unterhalb des Meeresspiegels. Gelegentlich kann man diese fossilen Zähne sogar käuflich erwerben. Eine weitere Art ist Scaphokogia cochlearis aus dem Miozän Perus. Von dieser Art sind auch Schädelfragmente entdeckt worden, die zeigen, dass der Kopf deutlich länger und die Schnauze spitzer war als die heutiger Zwergpottwale.


Alle Bilder unterliegen meinem Copyright, sofern nicht andere Quellen angegeben sind.

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