Allgemein · Zoologische Gärten

Was Zoos können

Über Zoos herrschen heute sehr unterschiedliche Meinungen. Die einen sehen Zoos als gute und erhaltenswerte Einrichtungen, manche als „notwendiges Übel“ zugunsten des Artenschutzes, und wieder andere lehnen Zoos komplett ab. In vielen Köpfen ist nach wie vor ein recht veraltetes Bild über den Zoo als eine Art altertümliche Menagerie verankert, was nicht selten von einschlägigen Tierrechtsorganisationen noch gefördert wird. Auch die Behauptung, Zoos nehmen den Artenschutz nur als Vorwand um die Haltung von Tieren rechtfertigen zu können, ist in dem Zusammenhang häufig zu hören. Ich möchte hier nun eine Zusammenfassung über das präsentieren, was der moderne Zoo zu sein vermag, was er tut und was bisher erreicht wurde. Dabei möchte ich vorab noch darauf hinweisen, dass ich mich in diesem Beitrag auf moderne und wissenschaftlich geführte Zoos konzentriere.

Leisten Zoos einen Beitrag zum Artenschutz?

In der heutigen Zeit ist so ziemlich jedem bekannt, dass eine gewaltige Zahl an Tieren vom Aussterben bedroht ist. Wir sind im Begriff, einen Großteil unserer Fauna auszulöschen, sei es durch Umweltzerstörung oder gezielte Jagd. Wir könnten allein in den nächsten hundert Jahren fünfzig Prozent aller Tierarten verlieren, und obgleich die Allgemeinheit hin und wieder durch die Medien über das Artensterben erfährt, so wird doch sehr wenig getan, um es zu stoppen. Zoos in der ganzen Welt haben es sich nun zur Aufgabe gemacht, seltene Arten durch gezielte Zucht zu erhalten und wenn möglich auch ihren Lebensraum zu schützen. Das alte Bild vom Zoo als bloße Sammlung von Arten gilt in den allermeisten Fällen nicht mehr. Auch der Vorwurf, Zoos seien am Verschwinden von Arten durch das Einfangen wilder Tiere beteiligt, ist heute hinfällig. Für die meisten Arten gilt in der EU ein Importverbot für Wildfänge, und darüber hinaus verzichten die meisten Zoos mittlerweile schon freiwillig auf solche Tiere, die Zoobestände vieler Arten erhalten sich von alleine. Bei Fischen und Wirbellosen ist dies noch nicht immer möglich, doch auch hier entwickelt sich die Haltung und damit auch die Erkenntnisse über erfolgreiche Zucht immer weiter. Etwa im Burgers‘ Zoo in Arnheim (Niederlande), welcher seit einiger Zeit erfolgreich Gefleckte Adlerrochen (Aetobatus ocellatus) züchtet und seine Erfahrungen mit anderen Zoos und Aquarien teilt. Die Liste von Arten, welche auch durch die Zuchterfolge in Zoos vom Aussterben bewahrt wurden, ist lang. Bekannte Vertreter sind zum Beispiel die Przewalski-Pferde (Equus przewalski), die mittlerweile auch wieder in ihrer Heimat, der Mongolei, zu finden sind. Die in den Alpen beheimateten Bartgeier (Gypaetus barbatus) sind heute ebenfalls nur durch die Bemühungen von Organisationen und die Zucht in zoologischen Gärten wieder in ihrem Lebensraum zu sehen. Selbst bedrohte Haustierrassen werden heute in vielen Zoos gezielt gezüchtet, um sie für die Nachwelt zu erhalten.

Ein gutes Beispiel für engagierten Artenschutz ist die Loro Parque Fundación, welche weltweit viele verschiedene Projekte zu diversen Spezies initiiert. Zum einen werden seltene Papageienarten in der Zuchtstation des Loro Parque auf Teneriffa gezüchtet, zum anderen gehören auch Maßnahmen im ursprünglichen Lebensraum der Tiere zum Konzept. Beispielsweise wird die örtliche Bevölkerung durch Aufklärungsarbeit für den Schutz ihrer heimischen Tierwelt begeistert, oder es werden neue Wege entwickelt, die Populationsentwicklung einer Art besser zu überwachen. Neben Projekten für Papageien betreut die Fundación unter anderem auch solche für Schwertwale, Haie und Löwen.

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Weltkarte mit den Projekten der Loro Parque Fundación

Nun wird hin und wieder der Vorschlag geäußert, man solle doch lieber etwas für die Tiere in ihrem Lebensraum tun, statt sie einfach nur im Zoo zu züchten. Zwar mag dies an sich als ein logischer Ansatz dienen, dennoch ist er in der Realität nicht immer einfach umzusetzen. Man bedenke, dass der Lebensraum vieler Tiere schon seit Jahrzehnten im Rückgang begriffen ist. Dies ist kein Einzelphänomen, wird jedoch gerne ignoriert, sobald die Thematik der Arterhaltungszucht angesprochen wird. In-situ Schutz hat nur dann einen langfristigen Erfolg, wenn die Umstände, welche die Gefährdung einer bestimmten Art verursacht haben, sich bessern. Ob es sich nun um Umweltzerstörung oder Wilderei handelt, Ursachen für das Artensterben werden zwar mittlerweile bekämpft, doch ist dies in nicht wenigen Fällen ein langsamer Prozess. Ganz stumpf gesagt: Ein abgeholzter Urwald wächst so schnell nicht nach, so traurig das sein mag, und mühsam nachgezüchtete Tiere in einem von Wilderern heimgesuchten Gebiet auszuwildern, hilft höchstens den Wilderern selbst. Bei einigen Arten ist eine Auswilderung auch deshalb nicht so einfach möglich, weil die Tiere sich durch die Haltung in Menschenobhut nicht mehr in freier Wildbahn zurechtfinden können. Es stellt sich deshalb natürlich die Frage, welchen Sinn es dann hat, die Tiere zu erhalten. Oftmals ist zu lesen, dass man sie in diesem Fall doch lieber „würdevoll“ aussterben lassen sollte. Was am Aussterben würdevoll sein soll, bleibt fraglich. Da wir diese Arten in den allermeisten Fällen durch unser Handeln in diese missliche Lage gebracht haben, sollte es auch unsere Aufgabe sein, sie zu erhalten, auch wenn nicht alle Tiere ausgewildert werden können. Eben diese Exemplare können als Mahnung dienen, was geschieht, wenn wir weiter so achtlos mit unserer Umwelt umgehen. Außerdem sei gesagt, dass auch ein Leben als Zootier mittlerweile kein wirklicher Nachteil für das Tier mehr sein muss. Die von einigen Menschen gerne immer wieder verbreitete Parole „Besser in Freiheit sterben als ein Leben im Zoo“, ist eine sehr vermenschlichende Sicht auf die Lage der Tiere, mal ganz davon abgesehen, dass diese ausgesprochen zynisch ist.

Ist tiergerechte Zootierhaltung möglich?

Heute wird die Diskussion über das Für und Wider von Zoos oftmals hoch emotional und leider auch wenig sachlich geführt. Mittlerweile wird das Konzept der Tierhaltung mitunter gänzlich abgelehnt, da wir damit die Tiere für unsere Zwecke ihrer Freiheit berauben und ausbeuten würden, so behauptet. Ob es der richtige Ansatz ist, solch eine Thematik ohne sachliche und faktenorientierte Argumente zu führen, mag ich persönlich bezweifeln. Es hilft den Tieren nicht, wenn wir ihr Verhalten ohne Hintergrundwissen interpretieren. Das muss nicht bedeuten, dass man Tieren jegliche Intelligenz oder Empfindsamkeit abspricht; jedoch muss man sich im Klaren darüber sein, dass jede Art ihre Umwelt anders wahrnimmt und mit ihr interagiert. Was gut für einen Wolf ist, muss nicht gut für eine Antilope sein (und erst Recht nicht für einen Menschen), wenn man es vereinfacht erklären möchte. Mit falsch verstandener Tierliebe kann viel Schaden angerichtet werden, einfach weil man nicht das Wesen des Tieres als solches anerkennt und es nach menschlichen Maßstäben beurteilt. Die in diesem Zusammenhang oft angepriesene „Freiheit“ ist im Endeffekt ein von Menschen erdachtes Konzept, und steht als solches bezüglich dieser Thematik auf sehr unsicherem Fundament. So ist es doch sehr fraglich, ob andere Tiere damit überhaupt etwas anfangen können. Es ist also nicht die Frage, ob ein Tier die Freiheit haben muss, dort hin zu gehen/schwimmen/fliegen wo es will, sondern ob es das überhaupt tut. Ein Beispiel: Ein Schwertwal kann im Extremfall am Tag etwa hundert Kilometer schwimmen, doch tut er das auch wirklich? Ja und nein. Er wird es tun, wenn er durch Nahrungsknappheit gezwungen ist, andere Jagdgründe aufzusuchen. Doch warum sollte er solch weite Strecken zurücklegen, wenn es an seinem jetzigen Standort ausreichend Nahrung gibt und auch sonst die Bedingungen für ihn ausreichend sind? Das wäre aus Sicht der Evolution Energieverschwendung und deshalb sowohl gefährlich als auch sinnlos. Nahrungssuche, Fortpflanzung oder bessere klimatische Bedingungen sind die Hauptursachen für lange Wanderungen. Sollte eine Art nicht wandern, sondern ein festes Revier beziehen, dann wird sich die Größe des Revieres in den meisten Fällen nach den vorhandenen Ressourcen richten. So ist zum Beispiel bekannt, dass Elsterpaare in ländlichen Gebieten größere Reviere beziehen als in Städten. Auf dem Land finden Elstern heutzutage weniger Nahrung, und die Paare beanspruchen deshalb ein größeres Gebiet für sich, als sie es in der Stadt müssten. Dort ist Futter, dank dem Abfall der Menschen, oft massenhaft verfügbar.

Was hat das mit Zoos zu tun? Die Ablehnung der Tierhaltung fußt letztendlich auf die Annahme, dass die Tiere die ihnen beraubte „Freiheit“ als solche erkennen und deshalb leiden. Dass ein Löwe im Gehege liegt und von der Savanne träumt, ist im Endeffekt nur die Projektion unserer eigenen Gedanken. Erstens kennt besagter Löwe die Savanne in den allermeisten Fällen nämlich gar nicht, da er im Zoo geboren wurde, zweitens ist er sich seiner „Gefangenschaft“ in  ihrem ganzen Umfang nicht bewusst. Natürlich kann man bis heute nicht mit hundert prozentiger Sicherheit behaupten, dass man die Empfindungen der Tiere genau kennt, doch kann man sich an einige Richtwerte halten, um ihr Wohlbefinden zu beurteilen. Diese sind zum Beispiel natürliche Verhaltensmuster, wie Territorialverhalten, Sozialverhalten und Fortpflanzung. Auch die durchschnittlich höhere Lebenserwartung in menschlicher Obhut ist ein guter Beleg. Bei vielen höher entwickelten Arten kommt zudem spezielles Komfortverhalten hinzu, welches die Tiere nur dann zeigen, wenn sie sich sicher fühlen. Ein gutes Beispiel ist das Spielen, sowohl unter einander als auch allein, und oft wird passendes Spielzeug von den Pflegern bereit gestellt oder sogar selbst gebastelt. Die Nahrungssuche, welche in der Natur einen Großteil des Tagesablaufes ausmacht, fällt im Zoo natürlich weg. Damit den Zoobewohnern jedoch nicht langweilig wird, lassen sich die Tierpfleger immer wieder neue Dinge einfallen, um die Fütterung für ihre Schützlinge interessanter zu gestalten.

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Spielende Große Tümmler im Delfinarium Harderwijk (Niederlande)

„Enrichment“ ist hier das Zauberwort: Ob verstecktes Futter, Intelligenzspiele oder so simple Dinge wie ein mit geruchsintensiven Dingen befüllter Beutel- alles dient der Beschäftigung und sorgt für Abwechslung.  Trainingseinheiten und damit auch Vorführungen  mit Meeressäugern oder auch Vögeln sind ebenfalls Beschäftigungsmaßnahmen und stärken das Vertrauen zwischen Mensch und Tier. Die Tiere werden durch diese außerdem fit gehalten und durch spielerisches Training können tierärztliche Untersuchungen erprobt werden, damit  im Ernstfall durch diese kein zusätzlicher Stress entsteht. Dabei wird, wie fälschlicherweise oft angenommen, schon lange nicht mehr mit Futterentzug gearbeitet. Auch die Gehege haben sich mit der Zeit stark gewandelt. Heute wird immer mehr auf naturnahe Gehegegestaltung gesetzt, welche den Tieren auch Rückzugsmöglichkeiten bietet. Vergesellschaftungen kompatibler Arten sind ebenfalls häufig zu sehen, meist in Konstellationen, wie man sie auch in freier Wildbahn beobachten kann. Natürlich sind Verbesserungen bezüglich der Haltungsbedingungen immer möglich, und mittlerweile sind die meisten Zoos sich dessen bewusst. Dabei ist es nicht das Ziel, die freie Wildbahn 1:1 nachzustellen, und das muss es auch nicht sein. Das Gehege bietet im Idealfall trotz seiner räumlichen Begrenzung eine der Tierart angepasste Struktur und Beschäftigung.

Tragen Zoos zur Bildung bei?

Heute ist die Entfremdung des Menschen von der Natur so stark wie nie zuvor. Viele kennen Tiere nur aus Dokumentationen im Fernsehen, wenn sie diese denn überhaupt schauen, auch unser Konsum und seine Folgen für die Tierwelt bleiben meist außerhalb unseres eigenen Blickfeldes. Etwa 700 Millionen Menschen besuchen weltweit jährlich Zoos und Aquarien, eine enorme Zahl. Der Zoo gilt als eines der beliebtesten Freizeitziele, nicht nur für Familien. Daher liegt es doch nahe, diese Freizeitaktivität mit edukativen Aspekten zu ergänzen. Dies geschieht heute nicht nur über einfache Gehegeschilder oder kommentierte Fütterungen, sondern auch mit speziellen Aktionstagen, wie beispielsweise dem jährlichen Artenschutztag im Duisburger Zoo. Dort präsentieren Organisationen ihre Projekte und klären Besucher über die wachsenden Bedrohungen unserer Tierwelt auf. Auch spezielle Aktionen für Kinder sind mittlerweile fester Bestandteil im Programm vieler Zoos, um schon junge Besucher auf kindgerechte Weise über unser Ökosystem spielerisch zu informieren. Denn eins ist sicher: Menschen setzen sich nur für Dinge ein, die sie auch kennen. Zoologische Gärten können Menschen für Tiere begeistern, sei es für eine bestimmte Art oder gleich für die gesamte Fauna. Und wem bewusst ist, dass er mit dem Kauf von Palmölprodukten die Zerstörung des Lebensraumes der charismatischen Orang-Utans fördert, der wird eher bereit sein, darauf zu verzichten. Natürlich wird ein Zoobesuch nicht gleich jeden zum Kämpfer für den Artenschutz werden lassen, aber ein wertvoller Beitrag ist schon geleistet, wenn wenigstens ein Bruchteil der Besucher zum Nachdenken angeregt werden kann. Außerdem ist mittlerweile ein wachsendes Interesse der Besucher an der Haltung und damit dem Wohl der Tiere zu beobachten, nicht umsonst werden immer mehr Sonderführungen angeboten um dem Besucher auch den Ablauf hinter den Kulissen zu zeigen.

Das Erlebnis, einem lebendigen Tier zu begegnen, kann bis heute keine Dokumentation ersetzen- aber dann könnte man ja lieber wildlebende Tiere beobachten, als in den Zoo zu gehen, oder? Was wäre denn, wenn wir stattdessen alle auf Safari-Tour in Afrika gehen, oder mit Booten aufs Meer hinaus fahren, um Wale zu beobachten? Dies ist nur auf kurze Sicht die tierfreundlichere Methode. Denn man darf nicht vergessen, dass Zootiere an die Anwesenheit von Menschen gewöhnt sind. Würden wir alle mit Safari-Fahrzeugen durch die Serengeti fahren, wären die Folgen fatal. Durch die unablässigen Touristenströme wären die Tiere enormen Stress ausgesetzt, was zuletzt auch negative Auswirkungen auf Verhalten und Fortpflanzung haben würde, von den Auswirkungen auf den Lebensraum der Tiere ganz zu schweigen. Davon mal ganz abgesehen, dass sich auch nicht jeder so einen Urlaub überhaupt leisten kann. Beim Whale Watching sind solche negativen Folgen schon zu beobachten, denn an so mancher Küste haben die Scharen von Booten die ansässigen Walpopulationen schon so massiv gestört, dass die Tiere diese Gebiete mittlerweile meiden.

Man sieht: eine einfache Alternative zu Zoos gibt es bisher nicht. Mit einer Kombination aus Unterhaltung und Information macht der moderne Zoo auf die bedrohliche Lage unserer Tierwelt aufmerksam. Die Zoobewohner sind nicht einfach Ausstellungsmaterial, sie sind Botschafter ihrer Art und werden oftmals als eigene Persönlichkeiten dem Besucher näher gebracht. Die Bildungsaufgabe nimmt ein guter Zoo ernst und setzt sie kreativ um. Damit haben Zoos eine echte Chance, Menschen für die Welt der Tiere zu begeistern- mehr, als es ein Film oder Buch jemals könnte.

Zoos sind nicht perfekt, aber sie verbessern sich ständig. Sie fördern Bildung, Forschung und den Artenschutz, sind ein Zuhause für viele Tiere und Erholungsort für den Menschen. Man kann Zoos kritisieren und über sie diskutieren, doch sollte man sie nicht einfach ablehnen, weil sie in die persönliche Vorstellung einer „heilen Welt“ nicht so recht passen wollen.
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